Der russisch-jüdische Pianist Jascha Nemtsov wurde 1963
in Magadan geboren. Er studierte am Konservatorium
von St. Petersburg und lebt seit 1992 in Berlin. Neben
dem klassisch-romantischen Klavierrepertoire und der
Musik des 20. Jahrhunderts liegt ein Schwerpunkt seiner
Arbeit auf Werken jüdischer Komponisten.
Auf seiner neuen CD stellt er Franz Liszts Ungarischen
Rhapsodien Werke von Juliusz Wolfsohn gegenüber. Wolfsohn wurde 1880 im seinerzeit russischen
Warschau geboren und starb 1944 in New York. Nach
Klavier- und Kompositionsstudien in Moskau setzte
er seine Ausbildung als Pianist in Paris und Wien
fort. 1939 emigrierte er in die USA. In seinen Werken
beschäftigt er sich ausschließlich mit jüdischer Musik
und der jiddischen Folklore.
Gipsy Soul – Jewish Heart
Im Jahre 1859 erschien in Paris in französischer
Sprache ein Buch unter dem Titel „Die
Zigeuner und ihre Musik in Ungarn“. Der
Autor war der berühmte Franz Liszt, er hatte
dieses Buch als eine Art literarisches Pendant
zu seinen einige Jahre zuvor veröffentlichten
15 Ungarischen Rhapsodien konzipiert. Diese
Werke, die zu dem Zeitpunkt bereits europaweit
bekannt waren, stellten einen erfolgreichen
Versuch dar, die Spielweise der ungarischen
Zigeuner-Kapellen nachzuempfinden. Die
Besonderheiten der Zigeunermusik, wie Dynamik,
Metrum, Agogik, Rhythmus, Klangfarben
typischer Instrumente, harmonische Struktur
usw., hatte Liszt während seines Ungarn-Aufenthalts
in den 1840er Jahren mit der Gründlichkeit
eines Folkloristen studiert.
Liszt war jedoch nicht nur von der Musik
der Zigeuner fasziniert, sondern auch von ihrer
ganzen Lebensart, deren wichtigste Eigenschaft
seiner Meinung nach das „Streben nach schrankenloser
Freiheit“ wäre.
Merkwürdigerweise widmete Liszt bereits
das zweite Kapitel seines Buchs einem anderen
Thema, es heißt „Des Zigeuners Gegensatz: der
Israelit“. Dieses Kapitel enthält neben den für
die damalige Zeit typischen Vorurteilen auch
bemerkenswerte Passagen, die von Liszts Sympathie
und Interesse für Juden, ihre Geschichte
und ihre Kultur zeugen. Eine dieser Passagen ist
jüdischer Musik gewidmet:
„Wir haben ein einziges Mal Gelegenheit
gehabt, eine Ahnung von dem zu empfinden, was
eine judäische Kunst werden könnte, wenn die
Israeliten alle Intensität des in ihnen lebenden
Gefühls in Formen ihres eigenen Geistes kundgäben.
Wir lernten in Wien den Kantor Sulzer
kennen. … Um ihn zu hören, gingen wir zur Synagoge,
deren musikalischer Leiter und Vorsänger
er war. Selten haben wir eine so überwältigende
Erschütterung aller Saiten der Gottesverehrung
und des menschlichen Mitgefühls erlebt, als an
diesem Abend, wo beim Schein der den Plafond
gleich Sternen übersäenden Kerzen ein seltsamer
Chor anhub von dumpfen, gutturalen Stimmen,
als wäre jede Brust eine Kerkerzelle, aus deren Tiefen
sie sich rangen, um dem Gotte der Bundeslade
in Elend und Gefangenschaft lobzusingen, ihn mit
festem Glauben anzurufen, voll der Gewißheit
einstiger Erlösung aus endlos langer Sklaverei, …
es war unmöglich, nicht mit allen Sympathien
der Seele in den großen Aufruf dieses Chores
einzustimmen, der wie auf riesigen Schultern die
Last so vieltausendjähriger Überlieferungen und
göttlicher Wohltaten, so vieler Empörungen und
Züchtigungen und so unerschütterlicher Hoffnungen
trug.“
Zigeuner und Juden: zwei Völker in einer
fremden Welt und ihre Musik
Das historische Schicksal von Zigeunern und
Juden weist eindeutige Parallelen auf. Beide
Völker stammen ursprünglich aus dem Orient
(Juden aus dem Nahen Osten, Zigeuner aus
Indien), sie wurden in Europa jahrhundertelang
als Fremde behandelt und waren Verfolgungen
ausgesetzt. Zum Höhepunkt dieser
Verfolgungen wurde bekanntlich die Nazizeit
in Deutschland, in der Millionen von Juden
und Zehntausende von Sinti und Roma allein
wegen ihrer Abstammung ermordet wurden.
Juden kamen bereits in der Römerzeit nach
Europa, Zigeuner im späten Mittelalter. In
dieser langen Diaspora-Existenz unter anderen
Völkern konnten sie trotz eines enormen
Assimilationsdrucks viele typische Eigenschaften
ihres Nationalcharakters beibehalten. Diese
Eigenschaften prägten auch ihre Volksmusik.
Die jüdischen Klezmer-Kapellen und die
Zigeunerkapellen sind zwei Phänomene, die die
musikalische Landschaft in Ost- und vor allem
in Südosteuropa entscheidend mitgestalteten.
Auch hier sind Parallelen nicht zu übersehen:
die perfekte Beherrschung der Improvisationskunst,
freie rhapsodische Musizierformen,
reichhaltige Ornamentik, nicht zuletzt die
charakteristischen Modi mit der übermäßigen
Sekunde. Ähnlich waren ihre Kapellen
– Instrumentalensembles
ohne Gesang, die
meistens zwei bis fünf, manchmal aber bis zu
zwölf Instrumente vereinigten. Auch das Instrumentarium
war im Wesentlichen gleich: Geige
oder Klarinette als Soloinstrumente, Zymbal als
Begleitung.
Darüber hinaus zeichneten sich sowohl
Klezmer- als auch Zigeunermusikanten durch
ihre erstaunliche Fähigkeit aus, Folklore anderer,
sie umgebender Völker zu absorbieren
und sie auf eine eigene Art zu verändern. Das
Repertoire der ungarischen Zigeunerkapellen
basierte zu einem überwiegenden Teil auf Melodien
ungarischer Volkslieder, die virtuos ausgeschmückt
und zu Grundthemen von großen
rhapsodieartigen Kompositionen wurden. Die
wichtigsten Mittel waren dabei Variation und
Ornament. Das waren aber auch Wesensmerkmale
der jüdischen Klezmermusik, die ebenfalls
zu einem großen Teil moldawische, ukrainische,
rumänische, polnische und ungarische
Volkslieder und -tänze verarbeitete.
Es ist daher kein Wunder, dass jüdische
und Zigeunermusikanten oft den Weg zum
gemeinsamen Musizieren fanden. Ein Kenner
der osteuropäischen jüdischen Musik, François
Lilienfeld, schreibt:
„Die Kunst der Klesmorim wurde auch von
Nichtjuden sehr geschätzt, und sie wurden für
nichtjüdische Anlässe engagiert, was ihr Repertoire
stark prägte; ein guter Klesmer war in der
jüdischen Musik ebenso zuhause wie in der des
Gastlandes. Eine besondere Beziehung bestand seit
jeher zwischen Roma-Musikern und Klesmorim.
Dies mag auf das gemeinsame Verfolgtenschicksal
und den damit einhergehenden reisenden Lebensstil
zurückgehen. Jedoch sind auch musikalische
Parallelen offensichtlich: Mündlich weitergegebene
Musik, Nähe von Trauer und Fröhlichkeit und
der Gebrauch alter orientalischer Tonarten sind
auch in der Zigeunermusik zu finden.“
Dem Gebrauch der vermutlich aus dem
Orient herkommenden übermäßigen Sekunde
und anderen musikalischen Gemeinsamkeiten
widmete seine Ausführungen der Komponist
und Cellist Joachim Stutschewsky, der, wie so
viele jüdische Musiker von Rang, selbst aus
einer bekannten Klezmer-Familie stammte:
„Eine gewisse ‚Verwandtschaft’ von ‚Zigeuner’-
und ‚Ghetto’-Musik besteht zunächst darin,
als beide von Haus aus einstimmig sind: die
Melodie dominiert, ist überlegen. Ferner bleibt,
als treue Schicksalsgefährtin, sowohl die Zigeunerals
auch jüdische Musik reich an Empfindung,
Ausdruck und rhythmischen Besonderheiten, allen
Schulregeln und theoretischen Überlegungen fern,
fern auch der Evolution und den diversen Auswirkungen
abendländischer Musik. Hier, wie dort
strömt die Musik frei, als reiner Naturtrieb, ist sie
Erzeugnis ungehemmter Naturbegabungen.“
Die stilistischen Parallelen in der Klezmer-
und Zigeunermusik sind im wesentlichen
durch dreierlei Faktoren zu erklären: erstens
spielte ihre orientalische Herkunft eine Rolle,
zweitens waren sie Resultat der gegenseitigen
Anregung und des gemeinsamen Musizierens,
und drittens wirkten sie in demselben geographischen
Raum, von denselben kulturellen
Einflüssen umgeben. Das letzte gilt vor allem
für die rumänisch-moldawische Instrumentalmusik
mit ihrer Doina als Hauptgattung.
Doina ist eine längere Komposition aus zwei
Teilen, in der der erste langsame Teil einen
nachdenklich-melancholischen Moll-Charakter
hat, und der zweite ein schneller virtuoser Tanz
ist. Diese Form wurde sowohl von jüdischen als
auch von Zigeunermusikanten übernommen
und intensiv praktiziert. Liszt verewigte sie in
seinen Ungarischen Rhapsodien.
Der erste, langsame Teil – eine improvisationsartige
Fantasie oft ohne genaue Metrum-
Bindungen – wurde in der jüdischen Musik als
„Taksim“ bezeichnet. Dieses Wort ist türkischen
Ursprungs, es wurde auch von Zigeunerkapellen
benutzt. Möglicherweise wurde diese Form
durch jüdische Musikanten nach Südosteuropa
gebracht; es kann auch sein, dass Rumänen,
Juden und Zigeuner sie unabhängig voneinander
der türkischen Tradition entnahmen.
Es ist auch ansonsten oft kaum möglich,
herauszufinden, wer von wem im einzelnen
beeinflusst war. Fest steht, dass die Volksmusik
der südosteuropäischen Länder ein Gemisch
ohnegleichen war, in dem unzählige europäische
und orientalische Einflüsse zusammengeschmolzen
waren. Jüdische und Zigeunermusik waren
wichtige Bestandteile dieser Kultur, sie haben
dabei nicht nur Elemente der Folklore anderer
Völker aufgenommen, sondern auch einen
höchst bedeutsamen eigenen Beitrag geleistet.
Obwohl die ungarische Zigeunermusik schon
vor Liszt etliche Komponisten, wie Haydn, Beethoven
oder Schubert, inspiriert hatte, war er der
erste, dem es gelungen ist, ihren Geist in Formen
der Klaviermusik authentisch wiederzugeben.
Juliusz Wolfsohn
Liszts Ungarische Rhapsodien wurden zum Vorbild
für einen jüdischen Komponisten, der sich
vorgenommen hatte, ähnliches im Bezug auf
jüdische Volksmusik zu schaffen. Sein Name
war Juliusz Wolfsohn. Wie Liszt war Wolfsohn
nicht nur Komponist, sondern auch und in
erster Linie ein Klaviervirtuose; Klavier lag ihm
auch beim Komponieren am nächsten.
Wolfsohn wurde 1880 in Warschau geboren
und studierte zunächst am Konservatorium
seiner Heimatstadt Klavier und Komposition,
bevor er seine Studien am Moskauer Konservatorium
und in Paris bei Raoul Pugno vervollkommnete.
Schließlich kam er nach Wien, wo
er Schüler von Theodor Leschetitzky wurde.
Daher war Wolfsohn sozusagen ein Enkelschüler
von Liszt.
Wolfsohn blieb in Wien und machte sich
schnell einen Namen vor allem als herausragender
Chopin-Interpret. Er unternahm zahlreiche
Konzertreisen in verschiedene europäische
Länder und in die USA, die ihm allgemeine
Anerkennung brachten und seine Stellung im
internationalen Musikleben begründeten.
Als Komponist arbeitete Wolfsohn ausschließlich
auf dem Gebiet jüdischer Musik.
Sein erstes größeres Werk – die Jüdische Rhapsodie
aus dem Jahre 1912 – knüpft auch mit ihrem
Titel an den berühmten ungarischen Vorgänger
an. Ein Rezensent der Zeitschrift „Die Musik“
bemerkte damals über diese Komposition:
„Prof. Wolfsohn hat hier ein dankbares, wenn
auch nicht leicht zu bezwingendes Klavierstück
geschaffen, das durch die Tiefe seiner Empfindung
ebenso ausgezeichnet ist, wie durch die pianistischen
Reize, die aus dem thematischen Material
herausgeholt sind. Psalmodien und Choral, Hochzeitstanz
und Mahlzeitlied greifen wie Glieder
einer Kette ineinander, und wenn zum Schluß ein
Hochzeitslied angestimmt wird, so ist es nach dem
triumphalen Aufschwung, den sie nimmt, nur
natürlich, dass es eine Freude ist, die mit einem
Auge lacht und mit dem anderen weint“.
Bis 1920 entstanden außerdem zwölf Paraphrasen
über altjüdische Volksweisen, die in drei
Bänden von der Universal Edition Wien in
mehreren Auflagen herausgegeben wurden. Die
Themen dieser Paraphrasen waren bekannte
jiddische Lieder, wie zum Beispiel das chassidische
Lied „Der Rebbe hot geheißen frejlech
sein“ im Hochzeitslied. Außerhalb des chassidischen
Milieus wurde diese Melodie durch Klezmer-
Kapellen verbreitet, die es in ihr Repertoire
aufnahmen und bevorzugt bei Hochzeiten
spielten.
Wolfsohns bedeutendstes publiziertes Werk
ist die Hebräische Suite, die zunächst 1926 für
Klavier solo komponiert, danach auch für
Klavier und Orchester umgearbeitet wurde. All
diese Werke genossen in den 1920–30er Jahren
große Popularität; sie wurden nicht nur von
Wolfsohn selbst, sondern auch von anderen
jüdischen und nichtjüdischen Pianisten aufgeführt.
Ein Musikkritiker begeisterte sich über
Wolfsohns Musik: „Aus der unendlichen Trauer
oder bizarr-grotesken Lustigkeit dieser Weisen
steigt die fremdartige und doch streng in sich
geschlossene Welt des Ostjuden geheimnisvoll auf.
Die Volkslieder sind uralt und es erfordert keinen
geringen Grad von seelischem und künstlerischem
Einfühlungsvermögen, ihre Eigenart … nicht zu
zerstören. Wolfsohn hat diese ungemein schwere
Aufgabe glänzend gelöst. … Wie klingt das alles,
wie elegant, geistreich und zartsinnig-intim, wie
echt pianistisch und klaviermäßig ist das alles
gedacht!“
Wolfsohn gehörte zu den Protagonisten
des Wiener Vereins zur Förderung jüdischer
Musik, für die er sich vielfältig engagierte, nicht
zuletzt auch als Musikkritiker der Wiener jüdischen
Zeitungen „Die Stimme“ und „Die neue
Welt“.
Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-
Deutschland floh Wolfsohn 1939 in die USA,
wo er sich musikalisch nicht mehr betätigen
konnte und 1944 starb. Sein Name geriet
danach vollständig in Vergessenheit. Es wurde
bis jetzt noch keine einzige seiner Kompositionen
auf kommerziellen Tonträgern aufgenommen.
Jascha Nemtsov